Freitag, 03.07.2020

Situation: Ich habe einen Termin, auf den ich mich sehr freue und der mir wichtig ist. Aufgrund unserer privaten Situation biete ich jedoch in dieser Woche meinem Sohn an, ihn immer schon zur großen Pause von der Schule abzuholen – ob er dann schon aus der Schule kommt oder nicht, überlasse ich ihm. Den Termin habe ich mir trotzdem eingetragen und gehofft, dass alles glatt laufen wird, außerdem habe ich mit meinem Sohn besprochen, dass ich an diesem einen Tag nicht früher kommen kann. Auf dem Weg zur Schule sagt mein Sohn mir, dass er in der Pause abgeholt werden will und sich nicht besonders gut fühlt heute. Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen riesigem Ärger, trotzigem Frust, liebevollem Mitgefühl und meinen omnipräsenten Schuldgefühlen. 
 
Gedanke: Es geht immer nur um ihn.
 
Ist das wahr? Es geht immer nur um ihn.

Nein.
 
Wie reagierst du, was passiert, wenn du den Gedanken glaubst „Es geht immer nur um ihn.“?

Wut kocht in mir hoch. Ich fühle mich eingeengt, ich habe das Gefühl, ich platze gleich. Mein Magen wird ganz hart, ich habe einen Stein im Bauch. Ich versuche, ihn zu beschwichtigen und ihn so zu manipulieren, dass er doch länger in der Schule bleibt. Ich will mich nicht ständig kümmern müssen, ich wehre mich innerlich total dagegen, dass immer ich diejenige bin, die zurückstecken muss. Ich bin sauer auf mein Kind. Ich bin wütend auf diese ganze Scheißsituation, alle Veränderungen der letzten Monate kommen hoch und machen mich sauer. Ich fühle mich als Opfer der Situation, als die, die immer den Kürzeren zieht, während es allen anderen wunderbar geht und sie frei sind. Alle sind frei und können machen was sie wollen, nur ich nicht. Ich fühle mich bestraft.
Dann merke ich, dass er sich eh schon schwer damit tut zu sagen, dass er mich braucht und dass er anfängt, zurückzurudern. Dann kommt ein großer Schwall Schuldgefühle. Ich erinnere mich daran, dass ich ihm zugesichert hatte, ihn aktuell achtsamer und stärker zu begleiten, weil er es zurzeit schwer hat. „Ich bin eine schlechte Mutter“ denke ich. Die vergangenen Monate ziehen in Sekunden an mir vorbei und ich fühle mich ungenügend, wertlos, falsch. So grundsätzlich falsch. Dann will ich mich selbst manipulieren, indem ich mir einrede, dass ich die Dinge eh nicht ändern kann, sondern lernen sollte, damit Frieden zu schließen. Ich will mich dazu zwingen, ruhig zu bleiben und mich dem Leben hinzugeben. Ich tue nach außen hin ruhig und klar, dabei tobt in mir alles. Stress pur, das geht ja gar nicht. Ich habe dann nicht nur Stress wegen der Organisation, wegen dem Frust, den Schuldgefühlen und meinem Trotz, sondern auch noch zusätzlich, weil ich klüger, entspannter, besser sein will, als ich es gerade bin. Oh Mann, das ist echt anstrengend.
 
Wer oder was wärst du ohne den Gedanken „Es geht immer nur um ihn.“?

Ich würde mein Kind sehen, wie es neben mir im Auto sitzt. Ich spüre die Liebe zu ihm. Ich bin nicht nur äußerlich ruhig, sondern auch innerlich. Ich würde hören, was er sagt: Er fühlt sich nicht gut und möchte früher von der Schule nach Hause. Mir wäre vollkommen klar, dass ich ihm genau diese Option zugesagt hatte und dass er alles Recht hat, darum zu bitten. Ich würde mich vielleicht sogar freuen, dass er sagt, was er will. Denn neulich, in einer ähnlichen Situation, war ich überhaupt nicht sauer auf ihn. Da war ich froh, dass ich mich auf mein Kind verlassen kann, weil es mir verlässlich sagt, wenn es mich braucht. Das fand ich großartig, weil ich mir dann keine Gedanken machen muss, solange ich nichts von ihm höre. Ich glaube, ich hätte den Termin im Vorfeld gar nicht gemacht. Vielleicht war dieser Termin auch gespickt von Trotz, der gemeint hat, das müsse ja wohl drin sein. Ohne den Gedanken in diesem Moment im Auto wäre ich entspannt und hätte keinen Stress mit meinem Leben. Ich wäre easy, ich wäre liebevoll – nicht nur mit meinem Sohn, sondern vor allem auch mit mir selbst. 
 
1.      Umkehrung: Es geht immer nur um mich.
Ja, in diesem Moment geht es mir einzig um mich und meinen Termin. Das ist sehr wahr. Es geht immer nur um mich, weil ich immer erstmal spüre, was in mir alles abgeht an Ärger, Frust und Wut – da kann ich mein Kind im ersten Moment kaum wahrnehmen. Es geht immer nur um mich, weil in mir eine kleine trotzige Julia sitzt und brüllt, weil sie frei sein will. Weil sie sich eingeengt fühlt, weil sie sich immer für alles verantwortlich fühlt. Und immer, wenn die kleine Julia in mir tobt, kann ich mein Kind nicht mehr sehen, ich bin dann nicht im Hier und Jetzt, sondern in meinem eigenen alten Film. Und ich kriege das nicht mal mit. Es geht immer nur um mich, weil ich im Grunde gar nichts anderes wahrnehmen kann als mich selbst. Ich kann mich ja nur reindenken in mein Kind oder in die Person, der ich jetzt absagen werde – aber für mich geht es nur um mich, denn nur in mir kann ich sehen, was mein Job ist. Wo meine Verantwortung liegt. Was meine Gefühle sagen, was mein Körper mir zeigt. Es geht einzig darum, bei mir zu sein, mich zu spüren. Ja, ich kann sehen, dass es immer nur um mich geht. 
 
2.      Umkehrung: Es geht nicht immer nur um ihn.
Es geht nicht immer nur um ihn, denn wenn es jetzt gerade nach meinem Sohn gehen würde, würde er gar nicht in die Schule gehen. Es geht nicht immer nur um ihn, weil er mir immer wieder mal sagt, dass er mich nicht stören will und sich dann auch zurücknimmt. Ich kann meistens in aller Ruhe arbeiten und er beschäftigt sich selbst wunderbar ruhig. Es geht nicht immer nur um ihn, weil mein Kind gar nicht entscheiden kann, worum es für mich geht. Ich bestimme ja, wann ich auf ihn eingehe und wo ich meine Grenzen ziehe, wo es für mich zu viel wird. Es geht nicht immer nur um ihn, ganz einfach, weil es immer nur um mich geht – um mein Inneres, um meinen alten „Heimatfilm“, um meine Konditionierung. 
 


Samstag, 27.06.2020


Ihr Lieben,

lange habe ich mich kaum gemeldet. Ich war still, nicht nur online, sondern auch privat. 

In die Stille zu gehen, war und ist für mich derzeit die einzige Möglichkeit, um mich nicht zu verlieren und um zu sehen, was alles in mir los ist. Nicht nur aufgrund von Corona hat sich mein persönliches Leben in den vergangenen drei Monaten um 180 Grad gedreht. Manchmal fühlte es sich an, als hätte mir irgendwer (ich selbst?!) den Boden unter den Füßen weggezogen. Was mir durch diese Zeit half und immer noch hilft, sind Gespräche mit lieben und klugen Menschen, gute Bücher, Yoga und die Natur. Ohne Innenschau - in völliger Stille - geht aber gar nichts. In meiner Erfahrung. 

Ohne das völlige Offensein für meine Gedanken, meine Gefühle und meinen Körper kratze ich nur an der Oberfläche. Stille ist für mich DER Weg, um tiefer gehen zu können. Um sehen zu können, wo's weh tut und warum - und den Pfad da heraus zu finden. Vollkommene Selbstverantwortung. Vollkommene Präsenz im gegenwärtigen Moment. Sieht von außen vielleicht langweilig aus - ist aber das Spannendste, das ich kenne. Es gibt so viel zu entdecken. Und dieses Leben ist so wunderschön, dass es fast schon frech ist, sich ihm entgegenzustellen. Mit all den Gedanken, den Urteilen, den Ängsten, dem alten Scheiß, der so lange gelernt wurde. 

 Schön, dass ich hier sein darf.


Ich habe keinen Schimmer, wer diesen wundervollen Text verfasst hat - ich habe ihn gelesen und teile ihn hiermit. Er berührt mein Herz zutiefst.
Das Leben wartet nicht auf unsere Meinung oder unser Einverständnis. Die Sonne geht auf, jeden Morgen. Sie fragt nicht. Die Blumen blühen, sie fragen uns nicht nach unserem Urteil. Der Regen regnet auf uns herab, ganz egal, was wir davon halten. Es gibt etwas, das größer ist, als der Mensch. Davon bin ich überzeugt. Vertraue ich dieser Macht? Manchmal ja, manchmal nein. Ich persönlich übe noch. Jeden Tag. 

"Es war der 15. März 2020, die Straßen waren leer, die Geschäfte geschlossen, die Leute kamen nicht mehr raus.
Aber der Frühling 🌱wusste nichts.
Und die Blumen 🌸blühten weiter.
Und die Sonne☀️ schien.
Und die Schwalben 🐦 kamen zurück.
Und der Himmel 🌌 färbte sich rosa und blau.
Morgens kneteten wir Brot 🍞 und backten Kuchen 🍰
Es wurde immer später dunkel und morgens kam das Licht 💡 früh durch die Fenster.
Es war der 15. März 2020.
Die Jugendlichen studierten online 👩‍💻
Und am Nachmittag spielte man unvermeidlich im Haus 🏡
Es war das Jahr, in dem man nur zum Einkaufen 🛒 raus gehen konnte
Alles wurde geschlossen.
Auch die Büros, Hotels und Bars.
Die Armee fing an, Ausgänge und Grenzen zu bewachen.
Es gab nicht genügend Platz mehr für alle in Krankenhäusern 🏥
Und die Leute wurden krank.
Aber der Frühling 🌱 wusste es nicht und er trieb Sprossen.
Es war der 15. März 2020.
Alle wurden unter Quarantäne 🦠 gestellt
Großeltern, Familien und Jugendliche der Gesundheit wegen.
Dann wurde die Angst echt.
Und die Tage sahen alle gleich aus.
Aber der Frühling 🌱 wusste es nicht, und die Rosen 🌹 blühten weiter.
Es wurde wieder das Vergnügen entdeckt, zusammen zu essen,
zu schreiben und zu lesen, man lies der Fantasie freien Lauf und aus Langeweile wurde Kreativität👨‍🎨
Manche lernten eine neue Sprache.
Manche entdeckten die Kunst.
Studenten büffelten für die letzte Prüfung welche noch für den Abschluss fehlte.
Der Eine merkte, dass er getrennt vom Leben war und fand zu sich zurück.
Der Andere hatte aufgehört, mit Ignoranz zu verhandeln.
Der Eine hat das Büro geschlossen 🚫 und ein Gasthaus mit nur vier Personen eröffnet.
Der Andere verließ seine Freundin 💔 , um der Welt die Liebe zum besten Freund zu gestehen.
Es gab jemanden, der Arzt 🥼 wurde, um jedem zu helfen, der es brauchte.
Es war das Jahr, in dem man die Bedeutung der Gesundheit 👩‍⚕️ und des wahren Leidens erkannte und vielleicht auch seine Berufung.
Das Jahr, in dem die Welt aufzuhören schien.
Und die Wirtschaft den Bach runterging,
aber sie hörte nicht auf, sie erfand sich neu.
Und der Frühling wusste es nicht, und die Blumen ließen den Platz den Früchten.
Und dann kam der Tag der Befreiung ❣️
Wir waren im Fernsehen und der Minister sagte zu allen, dass der Notfall vorbei sei.
Und dass das Virus 🦠 verloren hatte.
Dass alle zusammen gewonnen hätten.
Und dann gingen wir auf die Straße.
Mit Tränen 😭 in den Augen.
Ohne Masken 😷 und Handschuhe.
Umarmten unseren Nachbarn 🤍
Als wäre er unser Bruder.
Und da kam der Sommer.
Weil der Frühling 🌱 es nicht wusste.
Und er war weiterhin dabei.

Trotz allem.
Trotz des Virus.
Trotz der Angst.
Trotz des Todes.
Weil der Frühling es nicht wusste.
Und lehrte alle.
Die Kraft des Lebens."
 ❣️🌸🌹🌱

Dienstag, 10.03.2020

The Work, Byron Katie, Meditation, Allgäu

Ich kann nicht anders: auch ich muss meinen Senf zum Thema Corona dazugeben. 🦠 Das Problem: ich bin damit gar nicht cool. Ich habe schon meine Gedanken zu einer Ansteckung geworkt, aber so richtig entspannt bin ich immer noch nicht. 😒 Eventuell habe ich versucht, meine Angst "wegzuworken" - und das funktioniert einfach nicht.

Meine Spannung beim Thema Corona kommt daher, dass ich Angst vor dem Leben habe. Verschiedene Erlebnisse haben mich traumatisiert, ich habe Schiss vor Situationen, die ich nicht kontrollieren kann und die die Basis meines Erdenlebens angreifen (<-- Das ist ein Glaubenssatz! Denn ich lebe (!) - wie also wurde die Basis jemals angegriffen? Aber so fühlt es sich halt an.).
 Wie läuft so eine Angst also in meiner Erfahrung ab? Zuerst lese ich irgendwo, dass sich wieder jemand angesteckt hat, dass jemand daran gestorben ist, dass Schulen schließen, dass das deutsche Gesundheitssystem kollabieren könnte, dass es keine Heilmittel gibt usw. Ich bekomme also von außen eine Information, die meine Ängste triggert. Dann geht's los in meinem Hirn: Das darf nicht passieren. Ich muss mich und mein Kind schützen. Was, wenn es uns ganz schlimm erwischt? Ich muss handeln! Ich muss irgendetwas tun!

Ich setze mich also hin und fühle den ganzen "Scheiß". Ich fühle meine Angst, wo sie in meinem Körper sitzt und was für eine Empfindung ich wahrnehmen kann. Mein Hals ist eng, meine Brust ist schwer, mein ganzer Körper ist angespannt. In meinem Kopf ist Kuddelmuddel. Ich lasse diese Körperempfindungen da sein. Ich nehme meine Angst an, denn sie ist da. Mich gegen sie zu wehren macht das Ganze nur noch schlimmer.
Dann orientiere ich mich an der Realität: Ich bin - jetzt in diesem Moment - gesund. Ich sitze auf dem Stuhl und fühle den Boden unter meinen Füßen. Ich höre mein Kind im Kinderzimmer spielen und vor sich hinsingen. DAS ist die Realität. Hier befindet sich mein Körper, so ist die jetzige Situation. Mein Verstand ist ganz woanders, er ist in der Zukunft und in der Vergangenheit. Er will mich schützen, das kann ich sehen und sogar lieben.

Wessen Angelegenheit ist es, ob ich krank werde?
Wessen Angelegenheit ist es, wann und wie ich sterbe?
Wessen Angelegenheit ist es, ob mein Kind krank wird? Wessen Angelegenheit ist es, was morgen passiert?
Ich sehe: ich mische mich in Gottes Angelegenheit ein. Ich will klüger sein als das Leben, ich will kontrollieren. Ich will - über meine Möglichkeiten wie Händewaschen oder Immunsystem stärken hinaus - kontrollieren, was passiert oder nicht passiert. So kenne ich mich 😅. Und ja, bei tiefen Themen fällt es mir verdammt schwer, dem Leben zu vertrauen. Ich übe. 🙏 Und es tut sich was - denn ich erlebe durchaus auch Zeiten, in denen ich mich ruhig, vertrauensvoll und präsent fühle, in denen ich völlig im Hier und Jetzt verankert bin. Das ist wunderschön. ✨

Foto: Pinterest, oprah.com


Donnerstag, 05.03.2020


Heute biege ich mit einem dezent provokativen Zitat um die Ecke. "Wenn es dir nicht passt wie ich bin, kannst du dich ja ändern.". What? Harte Ansage. Ein anderer Mensch baut Mist und ICH soll mich ändern? Geht ja gar nicht! Ganz schön arrogant! 😲


Finde ich nicht. Wessen Angelegenheit ist es, wie der andere sich verhält, was er sagt, denkt und macht? Richtig: seine. Wessen Angelegenheit ist es, wie ich mich verhalte, was ich sage, denke und mache? Geeenau: meine. Nur hier habe ich die Möglichkeit, etwas zu verändern. In jeder einzelnen Sekunde meines Lebens. ☝️


Wir sind wahsninnig gut im Bewerten, Urteilen und Rechthaben. Das haben wir kultiviert, gesamtgesellschaftlich. "Ich habe Recht, also bist du der Blöde. Und damit es mir gut geht, musst du anders sein als du bist! Tu, was ich will, dann haben wir beide Frieden." Und zwar sofort! Park deinen Wagen um! Rede nicht so mit mir! Liebe mich! Schätze mich und sag mir liebe Dinge! Hör auf, mich zu kritisieren! Gehorche mir! Teile meine Meinung! 

- Katie sagt, das sei ganz schön diktatorisch. Ich kann sehen, was sie meint.

Und ja, ich gehöre dazu. Auch ich denke oft, dass die anderen anders sein sollen, weil 1. ich im Recht bin (logisch, ich stehe moralisch, emotional und kognitiv um einiges besser da!), und 2. sie dafür zuständig sind, dass ich Frieden habe. Genauer betrachtet ist das der größte Bullshit und ich bin somit diejenige, die Krieg anzettelt. Ich erwarte wie selbstverständlich von einem anderen Menschen (mit anderer Geschichte, anderen Prägungen, anderen Ängsten, anderen Moralvorstellungen), dass er sich mir anpasst. Dass ich mich an die Realität anpassen könnte, kommt mir nicht in den Sinn. Doch was ist die Realität? Das, was jetzt gerade ist - ganz easy.


Wenn es mir also nicht schmeckt, wie ein Mitmensch sich verhält, kann ich mich ja ändern. Ich kann genauer hinschauen. Sehen, dass ich einer anderen Person die Verantwortung dafür übertrage, dass ich mich gut fühle. Sehen, dass ich Krieg in meinem Kopf anfange, weil ich mich gegen die Realität sträube. Sehen, dass ich diejenige bin, die in ihren Urteilen feststeckt und vom anderen will, dass er mich da rausholt. Das ist einfach nur lustig. Zu beobachten, mit welchen Grundideen über das Leben wir herumlaufen, ist mitunter wahnsinnig erheiternd. Und was ich daran besonders liebe: ich muss meine Gedanken nicht mehr so ernst nehmen. Die der anderen übrigens auch nicht. 🙏

In diesem Sinne,

peace 💕


Eure Julia


Foto: Pinterest, wrdprn

Montag, 02.03.2020


Was für eine wunderbare Podcast-Folge von Tobias Beck! Wenn ich Gerald Hüther zuhöre, trifft er mein Innerstes, es berührt mich und ich kann ihm voll und ganz zustimmen.

 Die beiden Herren reden auch darüber, wie Belohnung und Bestrafung auf unsere Kinder - und später auch in der Welt der Erwachsenen auf jeden von uns - wirken. "Das ist Abrichtung, nichts anderes", sagt Hüther. Und doch weiß ich, wie schwer es einem als Elternteil fallen kann, nicht in diesen alten Mechanismus zu verfallen. 

 Mir fällt eine Story von meinem Sohn ein, als er noch die Regelschule besuchte. Es wurde entschieden, dass die Eltern mit den Kindern Verträge machen, dass die Kinder leise zu sein haben, weil sie ansonsten mit Sanktionen zu rechnen hätten. Alle, auch die Kinder, sollten diese "Vereinbarung" (die ja ausschließlich die Erwartungen der Eltern und Lehrer enthielt) unterschreiben. "Dann können wir ihnen diesen Zettel unter die Nase halten, wenn es nicht funktioniert!", sagte eine Mutter beim Elternabend. Alle stimmten zu, ich saß leise und betroffen an meinem Platz. Zu Hause gab ich auch meinem Sohn besagten Zettel. "Das unterschreib ich nicht, Mama." sagte er ganz trocken. "Hä? Wieso nicht? Du findest es doch auch nicht gut, wenn es im Klassenzimmer so laut ist, oder?!". Daraufhin er: "Nein. Aber ich bin ja auch nicht laut. Und wenn ich mal laut werde, dann hat das einen Grund. Da will ich doch nicht bestraft werden." Ein siebenjähriges Kind mit mehr Arsch in der Hose als seine Mutter. Ich fand die ganze Aktion auch dämlich, habe mich aber dem Druck gebeugt, ich hatte Angst als Außenseiterin dazustehen, wenn ich vor allen offen sage, dass ich diese Erziehungsmaßnahmen nicht unterstützen will. 

 Was lerne ich daraus? Ich darf üben, zu mir zu stehen. Meinem Weg zu folgen und auf mein Herz zu hören. Und ich habe ein Vorbild, das äußerlich kleiner ist als ich, innerlich aber oft eine Größe besitzt, die mir bereits in frühen Jahren aberzogen wurde. 

 Und: diese Eltern und Lehrer, mit denen ich nicht d'accord war, glauben ihre Gedanken, deshalb handeln sie so, wie sie handeln. Sie sind unschuldig. Ihre Annahmen und Glaubenssätze sind mir nicht mal fremd, ich kenne das von mir selbst. "Ein Kind sollte still sein. Ein Kind sollte brav sein und sich an Regeln halten. Kinder sollten rücksichtsvoll sein. Ein Kind muss Erwachsenen gehorchen. Kinder müssen Grenzen erfahren. Wir Erwachsenen müssen die Kinder erziehen. Es ist unser Job, sie lebensfähig zu machen." Bla bla bla. Wir können unsere Glaubenssätze hinterfragen! In meiner Erfahrung bringt mir das so viel Leichtigkeit und vor allem eine wunderschöne Nähe zu den Menschen, die mich täglich umgeben. 

Montag, 24.02.2020

Warum ich The Work so sehr liebe? 
Nun ja, diese Geschichte könnte nun etwas länger werden. Da ich dich nicht langweilen will, vorab nur so viel: mit der Work finde ich in den Frieden. Ich finde verborgene Teile von mir, von diesem komplexen Konstrukt, das mein Wesen bildet. All das, was ich in mir trage. Und nein, dit is nich nur schön. Da ist ziemlich viel Zeug dabei, das mir mein Leben schwermacht. 

Trotz zum Beispiel, den kenne ich gut. "Die redet nicht mehr mit mir? Na gut, dann sag ich auch nicht mehr Hallo!". Kennst du? Kennst du! 
Großes Kino, ich kanns dir sagen. Mauern hochziehen, damit besagte Person nicht merkt, dass mich ihr Verhalten verletzt. Die Fassade wahren. Cool bleiben. Unabhängig sein wollen. Arroganz vor mir hertragen. Pfff... Dafür brauche ich keine Schauspielschule, das hab ich schon gelernt, als ich noch keine zehn Jahre alt war. Das ist mühsam erarbeiteter Selbstschutz.

Sobald ich mit meinem Abeitsblatt überprüfe, was ich in der Situation gedacht habe, wendet sich das Blatt. Ich erkenne, dass ich mich selbst verletze, wenn ich mich verleugne. Ich sehe, wie sehr ich mir wünsche, von besagter Person gemocht zu werden, weil ich mich selbst nicht bedingungslos mag (autsch!). Ich entdecke tausend Geschichten von früher, die genau dieses shitty Gefühl in mir getriggert haben. Ich spüre, dass meine Mauern vor allem mir selbst wehtun, weil Abgrenzung mich nicht in den Frieden führt und es verdammt anstrengend ist, die Mauer aufrecht zu erhalten. Ich fühle die Härte in mir. Und ich erkenne, dass mein Gegenüber mir nur spiegelt, was ich in mir trage. Die Härte gegen mich selbst ist das, was ich in der Ablehnung durch diesen Menschen vorgeführt bekomme.

Das alles erlebe ich mit der Work. Das spüre ich, wenn ich mich darauf einlasse, ehrlich zu mir selbst zu sein. Und beim nächsten Mal, wenn ich die Person treffe und sie mich mit Nichtbeachtung straft, ist mein Trotz verraucht. Ich kann sehen, wie schwer es sich anfühlen muss, so hart zu sein. Wie einsam es einen macht, wenn man Mauern hochziehen muss, weil man keine andere Möglichkeit findet, sich zu verhalten. Wie weh es tut, sich so vehement unter Kontrolle haben zu müssen. Ich habe tatsächlich Mitgefühl. Ohne Arroganz, sondern ganz ehrlich. Ich weiß, wie sich das anfühlt und wie es ist, wenn man keinen anderen Weg sieht. Und ich bin frei. Ich bin im Frieden, egal was mein Gegenüber anstellt. 
Danke. 💕


Foto: karindrawings

Freitag, 14.02.2020

Eine wunderschöne Work mit Katie, inklusive deutschem Untertitel. "Mein Sohn ist egoistisch!". Ist das wahr?
Ich liebe es, mit den Works mitzuschwingen, die ich bei YouTube finden kann. Ich worke für mich, während ich dieser wundervollen Mutter zuhöre. Wir sind uns alle ziemlich ähnlich - auch wenn wir immer gern so tun, als wären wir wahnsinnig individuell. Katie sagt, es gebe keine neuen Gedanken, sie seien alle "recycelt". In meiner Erfahrung ist es genau so. Und das schafft für mich immer wieder eine herzerfüllende Verbundenheit. 

Dienstag, 11.02.2020


"Ist die Vergangenheit nicht freundlich? Sie ist immer vorbei."

Ein wundervolles Zitat von Katie. Ich weiß ja nicht, ob du diesen Mechanismus kennst, aber ich kann durchaus von mir behaupten, dass ich oft in der Vergangenheit herumdenke. 
"Er hätte mir zuhören sollen!",
"Hätte ich doch nur anders gehandelt...",
"Das war nicht fair!",
"Wie konnte sie nur so mit mir umgehen?!",
"Warum hat er mir das angetan?"
"Das hätte nicht passieren dürfen!" Bla bla bla. 
Wir denken an die Vergangenheit und lassen sie nicht los. Wir wiederholen Dinge, die (vielleicht sogar schon seit Jahren) vorbei sind, und erleben belastende Situationen immer und immer wieder - aber nicht wirklich und wahrhaftig, sondern in unserem Kopf!
Katie erinnert mich mit diesem Satz daran, dass das Ganze vorbei ist. Es ist bereits gewesen und ich habe keinen Zugriff mehr auf Situationen, die bereits geschehen sind. Wenn ich immer wieder grübele und mich in alten Mist hineindenke, begebe ich mich mit meinen Gedanken und den dazugehörigen Gefühlen (!) jedoch genau an diesen Ort, an dem ich damals stand und wiederhole das Drama. 
Freiwillig. Nicht bewusst, aber freiwillig. 
Das muss man sich mal vorstellen. 
Wie wäre es, wenn wir die Vergangenheit liebevoll annehmen könnten? Es war, wie es war. Und: es ist vorbei!
Wie klingt das für dich?


Freitag, 07.02.2020


Ich  möchte dir hier eine kleine Work von mir zeigen. Der Gedanke, den ich hinterfrage, kam neulich auf, als ich bei Facebook online war und geprüft habe, wie viele "Likes" meine neue Seite schon hat. Ein winziger Impuls, der viel verursacht, und über den ich herzhaft lachen kann, wenn ich mir den betreffenden Gedanken genauer ansehe.

Gedanke: Ich brauche, dass viele Leute meine Seite liken.

Ist das wahr? - Ja.

Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? - Nein. 

Wie reagierst du, was passiert, wenn du den Gedanken glaubst "Ich brauche, dass viele Leute meine Seite liken"? - Ich werde nervös. Mein Körper spannt sich an. Ich mache den Wert meiner Seite davon abhängig, wie viele Menschen sie liken. Dann gehen die Gedanken los "Sicher finden viele mich total bescheuert...", "Ach komm, Julia, mach dich nicht so wichtig, das will eh keiner lesen...", "Ich muss Content liefern, sonst interessierts eh niemanden.". So geht das rund herum in meinem Hirn. Ich überlege, was ich alles machen muss, damit man mich sieht. Ich denke, ich muss mich beweisen. Gleichzeitig gehe ich fest davon aus, dass mein Angebot sowieso uninteressant ist. Alte Bilder kommen hoch, die mir zeigen, dass sich niemand für mich interessiert und dass es besser ist, wenn ich mich erst gar nicht zeige. Ich habe Angst vor Ablehnung. 

Wer oder was wärst du ohne den Gedanken "Ich brauche, dass viele Leute meine Seite liken"? - Ohne den Gedanken wäre ich tiefenentspannt. Dann hätte ich die neue Seite gemacht und mich danach wieder zu 100% anderen Dingen gewidmet. Dann hätte ich kein Problem. Dann würde mich nicht interessieren, wie viele Menschen meine Seite liken, sondern wahrscheinlich eher schauen, ob ich meine Seite mag. 

Kehre den Gedanken um zu dir selbst. - Ich brauche, dass ich meine Seite "like". Ja, das ist wahr. Es ist meine Seite und es geht nur um mich, nicht um die anderen. Ich brauche, dass ich meine Seite like, weil ich das bisher nicht mache, sondern ziemlich beschäftigt damit bin, an mir zu zweifeln. Ich brauche, dass ich meine Seite like, weil das das Einzige ist, worauf ich Einfluss habe.

Kehre den Gedanken um zur anderen Person. – Ich brauche, dass ich die Seiten von vielen Leuten like. Oh. Da muss ich überlegen… Ja, ich kann sehen, dass ich die FB-Seiten von vielen anderen Menschen geliked habe und mich davon immer sehr inspirieren lasse. Ah, da kommt noch etwas: Ich brauche auch, dass ich die „Seiten“ der Menschen mag, die meinen FB-Auftritt nicht gut finden. Denn dann bin ich völlig frei.
 

Kehre den Gedanken um ins Gegenteil. – Ich brauche nicht, dass viele Leute meine Seite liken. Ja, das ist absolut wahr. Sehr stimmig, sehr beruhigend. Ich brauche es nicht, weil es überhaupt nichts über meine Arbeit aussagt, wie viele FB-Likes ich habe. Ich brauche nicht, dass viele Leute meine Seite liken, weil vielleicht gar nicht viele Leute The Work gut finden und wie könnte ich ein „Mögen“ brauchen, das gar nicht existiert?